1. Bedeutung von Orakeln

2. Hohe Orakel

3. Ablauf eines Orakels

4. Niedere Formen der Weissagung

5. Orakelspiele

6. Literaturangaben





Bedeutung von Orakeln


Vor allem im griechischen Altertum waren die Menschen davon überzeugt, daß der Wille der Götter durch Zeichen oder bestimmte Personen offenbart werden konnte. Die Mantik (griech. manteia, lat. oraculum = Wahrsagung) sollte nicht nur die Zukunft offenbaren, sondern auch dem Einzelnen im Alltag bei Entscheidungen helfen oder einen Rat geben. Ähnlich wie heute noch manche Menschen versuchen, ihr Leben mit Horoskopen und anderen Entscheidungshilfen zu organisieren, glaubten die Griechen an die Weissagekunst.

In der Antike fanden diese Orakel immer in Heiligtümern statt und waren mit kultischen Handlungen verbunden. Die Mantik wurde ursprünglich von Zeus eingeführt, aber dann von ihm an Apollon weitergegeben, der sich dann selbst in seinen Heiligtümern - über Medien wie Priesterinnen und andere Auserwählte - offenbarte, oder sie an andere Halbgötter oder Heroen weitergab. In griechisch-römischer Zeit gab es etwa 10 überregional wichtige Orakelstätten und bis zu 50 Orakel von lokaler Bedeutung. In der griechischen Frühzeit ist v.a. das Apollonheiligtum von Delphi ein Zentrum der Orakeltätigkeit. In der klassischen Zeit verliert die Vorstellung vom Einfluß der Götter an Gewicht, aber im Hellenismus und besonders im 1.und 2.Jh.n.Chr. wird durch Katastrophen und eine religiöse Unsicherheit das Orakelwesen wieder gestärkt.

Bei den überlieferten Orakelsprüchen muß unterschieden werden zwischen den sog. hohen Orakeln, wie sie in den Heiligtümern von Delphi, Dodona, Didyma und anderen großen Kultstätten erteilt wurden, und den einfachen Orakeln in kleineren Heiligtümern und an bestimmten Orten mit nur lokaler Bedeutung.


nach oben Hohe Orakel


In der griechischen und römischen Antike war ursprünglich Zeus der Orakelgott und daher gab es Orakelstätten in den Zeusheiligtümern von Dodona, einen Kult in Olympia und dem griechisch-ägyptischen Heiligtum des Zeus-Ammon in der Oase Siwa. Zeus aber übertrug auch Apollon die Weissagekunst und daher sind es v.a. Apollonheiligtümer, von denen wir wissen: die berühmteste Orakelstätte liegt in Delphi. Die ältesten griechischen Orakel sind die des Zeus in Dodona und des Apollon in Delphi. Beide waren etwa 1000 Jahre in Betrieb und besaßen gerade in der Frühzeit große Geltung. Es ranken sich viele Geschichten und Mythen um die Orakelsprüche und die Entstehung dieser großen Weissagungsstätten. Die schriftlichen Überlieferungen unterscheiden sich aber häufig von den archäologischen Funden, oder berichten nur nebenbei von unterschiedlichen Orakelpraktiken an ein und demselben Ort. Weitere wichtige Apollonheiligtümer lagen in Didyma, Patara und in Klaros in Kleinasien.

Daneben gab es kleinere Heiligtümer, wie das Apollon-Orakel auf dem Berg Ptoion bei Theben. Doch auch andere Götter oder Heroen konnten den Menschen helfen, wie das Höhlenorakel des Trophonios bei Lebadeia in Böotien oder das Asklepios-Heiligtum in Epidauros, wo Kranke durch Traumorakel geheilt wurden.

In römischer Zeit - v.a. in einer Zeit religiöser Verunsicherung im 2.Jh.n.Chr. - gab es eine Blüte des Orakelwesens. Eine der seltsamsten Auswüchse war der Schlangenkult um 150 n.Chr. in Abonuteichos an der Schwarzmeerküste. Dort hatte sich ein gewisser Alexander niedergelassen und agierte als Prophet für seine zahme Schlange Glykon (=der Süße), der er einen Hundekopf mit menschlichen Ohren und Haaren aufsetzte und die Menschen in medizinischen Angelegenheiten beriet. Er hatte einen hartnäckigen Gegner in dem Orakelkritiker Lukian von Samosata, der mit beißenden Worten die Gaukler und Pseudopropheten zu entlarven versuchte (Schrift 'Alexander oder der Lügenprophet').


nach oben Ablauf eines Orakels


Am Beispiel Delphis erkennt man, wie die Befragung der großen Orakel vor sich gingen. Der Ratsuchende mußte sich erst reinigen und fasten (genauso wie die Priester und Priesterinnen), an einem geeigneten Tag wurden Geldspenden und Opfer gebracht, die von der Gottheit angenommen werden mußten. Danach wurde der Fragende in die Nähe der Weissagestätte gebracht, in Delphi war dies im Apollontempel, wobei nicht sicher ist, ob ein direkter Kontakt zwischen Pythia und Ratsuchendem stattfand, oder er sie evtl. nur hörte. Die Pythia versetzte sich in Ekstase und ihre z.T. unverständlichen Worte wurden von Priestern/Prophetes dann 'übersetzt' und aufgeschrieben. Dabei bestand natürlich die Möglichkeit, daß die Aussage des Orakels in eine für die Politik des Heiligtums passende Form gebracht wurde. Die in Hexametern formulierten Sprüche wurden in Stein gemeißelt oder von antiken Autoren, wie Herodot überliefert. Ob diese Sprüche tatsächlich authentisch sind, oder erst später als mythische Orakellegenden entstanden, ist nicht klar.
Tatsache ist, daß diese Sprüche oft eine 'dunkle' Aussage haben, die der Fragende häufig mißversteht oder die ihn ratlos zurücklassen. Das berühmteste Mißverständnis unterlief dem lydischen König Kroisos, der das Orakel wegen eines Krieges mit den Persern befragte und die Antwort erhielt: er werde, wenn er gegen die Perser ziehe, ein großes Reich zerstören. (Herodot, Historien 1,53). Kroisos interpretierte das als Beweis seines Sieges, zerstörte aber mit diesem Krieg nur sein eigenes Reich.


nach oben Niedere Formen der Weissagung


Auch in den großen Heiligtümern gab es neben den überlieferten Orakelpraktiken auch einfachere Formen. Diese wurden Losorakel genannt und hatten unterschiedlich Abläufe. Aus Delphi gibt es eine Nachricht, daß die Thessaler einen neuen König dadurch wählten, daß die Namen der Beteiligten auf Bohnen geschrieben und der Auserwählte von der Pythia aus einem Dreifuß-Kessel gezogen wurde. Eine weitere Möglichkeit war das Ja/Nein-Orakel, wie es auch in Dodona und in dem Zeus-Ammon Orakel in der Oase Siwa angewandt wurde. Dabei erhielt der Suchende eine eindeutige Antwort auf seine Frage, also keine 'dunklen Sprüche' wie bei den Hohen Orakeln.

Die einfachste Form der Weissagung waren die Buchstaben- und Zahlenorakel. Die Buchstabenorakel wurden mit beschrifteten Bohnen, Scherben oder Steinen in einem Kessel ausgelost; unter der Rubrik Orakelspiel ist ein solches Orakel mit Astragalen beschrieben. Die häufigste Form dieser 'volkstümlichen' Orakel wurden jedoch mit Astragalen oder Würfeln als Zahlenorakel angewandt. Besonders die Astragale wurden für diese Befragungen verwendet, da sie von Opfertieren stammten und daher von den Göttern gesegnet waren. Diese Orakel gab es in vielen Städten Kleinasiens, also nicht in den Heiligtümern, sondern direkt in der Stadt, auf den Marktplätzen oder an den Ausfallstraßen bei Gräbern. Von reichen Amtsträgern gestiftet bestanden sie meist nur aus einem Tisch mit Würfeln oder Astragalen und daneben waren Stein- oder Holztafeln mit den Sprüchen darauf aufgestellt. Ein in situ erhaltener Pfeiler mit den Sprüchen in Kremna, im türkischen Pissidien, hatte eine bronzene Hermesstatue auf der Oberseite. Hermes war bei diesen einfachen Orakeln der Hauptgott.

Der Suchende nahm die Astragale (meist 4 oder 5 davon), betete und stellte seine Frage. Dann warf er die Knöchelchen und konnte nach den Zahlenwerten auf den unterschiedlichen Astragalseiten eine Gesamtzahl ausrechnen. Die vier Seiten des Astragals sind mit Namen und Zahlwerten überliefert: es gibt zwei breitere Seiten, die nach ihrem Aussehen 'Bauch' (pranes) mit dem Wert 4 und 'Rücken' (hyption) mit dem Wert 3 hießen. Die schmaleren Seiten, die natürlich weniger häufig gewürfelt wurden, hießen nach zwei Inseln Kos (koon) Wert 6 und Chios (chion) mit dem Wert 1. Die Zahlen 2 und 5 entfallen. Der Fragende verglich die Gesamtzahl der Astragalwerte mit der eines Spruchs auf denTafeln und erhielt so sein Orakel. Die Sprüche waren sehr einfach und pauschal, ähnlich wie heute in Horoskopen in der Zeitung; der erste Spruch heißt 'Alles wirst Du glücklich tun, das sagt der Gott', der letzte 'Pflückst Du die grüne Frucht, so hast Du keinen nutzen'. Diese Sprüche sind so klar und allgemein verständlich, daß wir auch heute keine Erklärung dazu brauchen. Wenn man bei diesem Orakel 5 Astragale verwendete, gab es 24 Sprüche, genau so viele wie Buchstaben im griechischen Alphabet. Es gab aber auch noch ein komplizierteres Astragalorakel, bei dem die Einzelwerte der 5 Würfe nicht zusammengezählt wurden, sondern einzeln galten. Das Ergebnis war daher beim niedrigsten Wert 1 1 1 1 1 und es gab insgesamt 56 verschiedene Kombinationsmöglichkeiten. Genausoviele Sprüche sind auch aus dem kaiserzeitlichen Kleinasien von mehreren Orten überliefert. Auf den Tafeln standen immer zuerst die Zahlen der 5 Würfe, dann die Summe daraus und schließlich der Gott, unter dessen Schutz der Wurf stand. Einige Gottheiten werden häufiger erwähnt (Zeus, Apollon, Athena, Hermes), dafür mit unterschiedlichen Beinamen. Darunter folgte dann der eigentliche Spruch in drei Hexameterversen. Johannes Nollé, von dem in nächster Zeit ein Buch mit allen 56 Sprüchen herauskommen wird, zitiert in einem Aufsatz mehrere der Sprüche, hier nur einer:

6 6 6 1 1 20 Von Hephaistos
Sind drei Würfe Sechser, zwei aber Einser, dann höre und wisse:
Es ist nicht möglich, ein Geschäft zu verrichten: Mühe Dich nicht vergebens!
Und wende nicht jeden Stein um, damit Du nicht auf einen Skorpion triffst.
Ohne Glück wird das Geschäft, nimm Dich vor allem Unheil in acht!



nach oben Orakelspiele


Die hier folgenden Sprüche eines Astragalorakels wurden von Johannes Nollé gesammelt und veröffentlicht. Das Orakelspiel wird mit 5 Astragalen gespielt. Da ein Astragal nur auf vier Seiten fallen kann, fallen im Vergleich zu einem Würfel die Zahlen 2 und 5 aus. Es gibt dabei insgesammt 24 Würfelkombinationen und ebensoviele Sprüche (die Summen aus den Würfen geben Werte zw. 5 und 30 an, wobei die Werte 6 und 29 ausfallen). Da auch das griechische Alphabet 24 Buchstaben besitzt, wird es auch als Buchstabenorakel bezeichnet.


Buchstabenorakel


A 5 Alles wirst Du glücklich tun, das sagt der Gott
B 7 Als Helfer wirst Du haben außer Tyche (Fortuna) auch den Pytios (Apollon)
G 8 Die Erde wird Dir reife Frucht für Deine Mühen geben
D 9 Unzeitige Gewalt ist schach vor den Gesetzen
E 10 Du wünschst aus rechter Ehe einen Sproß
Z 11 Den größten Wogenschwall vermeide, damit Du nicht zu Schaden kommst
H 12 Dich sieht die helle Sonne, die alles sieht
Q 13 Die Götter hast als Helfer dieses Weges Du
I 14 Schweiß gibt es: Doch wirst Du alles überstehen
K 15 Mit Wogen ist es schwer zu kämpfen. Drum wart'ne Weile
L 16 Der Spruch, der nun ergangen, sagt, daß alles schön ist
M 17 Sich mühn tut not! Doch wird der Umschwung schön sein
N 18 Siegbringendes Geschenk bekrönet den Orakelspruch
X 19 Von dürrem Holz ist keine Frucht zu ernten
O 20 Nicht möglich ist's, daß erntet, wer nicht sät
P 21 Hast viele Kämpfe Du bestanden, erringst Du bald den Kranz
R 22 Leicht führst Du's aus, wenn Du nur kurze Zeit noch wartest
S 23 Klar sagt Dir Phoibos (Apollon): Warte noch , mein Freund!
T 24 Von gegenwärt'gem Übel wirst Du bald erlöset sein
U 25 Gar Edles kann aus dem Geschäfte werden
F 26 Tust schlechtes Du, mußt vor den Göttern einstmals Rechenschaft ablegen
C 27 Hast Glück Du, wirst Du diesen Spruch vergolden, Freund
Y 28 Dies rechte Los erhältst Du von den Göttern
W 30 Pflückst Du die grüne Frucht, so hast Du keinen Nutzen




nach oben Literaturangaben


Lexikon der Alten Welt, Zürich und München 1990

Der Neue Pauly

Joseph Fontenrose, Didyma - Apollo's Oracle, Cult, and Companions, Berkeley/Los Angeles, 1988, 77ff.

Peter Hoyle, Delphi und sein Orakel, Wiesbaden 1968, 144-166

Robert Ineichen, Würfel und Wahrscheinlichkeit, 1996, 62-65

Michael Maaß (Hrsg.), Delphi - Orakel am Nabel der Welt, Ausstellungskatalog Karlsruhe 1996

Evi Melas, Delphi - die Orakelstätte des Apollon, Köln 1990

Johannes Nollé, Südkleinasiatische Losorakel in der römischen Kaiserzeit, Antike Welt 18 (1987), 41-49

ders., Medien, Sprüche, Astragale - Zum Orakelwesen im kaiserzeitlichen Kleinasien, NBA 13 (1996/7), 167-182

Veit Rosenberger, Griechische Orakel, Darmstadt 2001

Thassilo von Scheffer, Hellenische Mysterien und Orakel, Stuttgart 1948




Verfasserin: Monika Dowerth M.A.










© 2004 Institut für Klassische Archäologie Erlangen